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Wir Fotografen haben verschiedene Namen für den Zustand eines gelungenen Fotos. Besonders beliebt sind dabei die Ausdrücke, dass ein Foto „das gewisse Etwas“ oder eine „Seele“ besitzt. Während meines gestrigen Coachings kamen wir verstärkt auf dieses Thema zu sprechen und ich konnte es nicht verhindern, auch nach Feierabend meine Gedanken weiter um dieses Thema kreisen zu lassen.

Die Bezeichnung klingt ziemlich spirituell. Recht emotional, fast schon esoterisch. Ich habe mich etwas auf Spurensuche begeben und versucht herauszufinden, wieso ein Bild eine Seele hat und wo der Unterschied zu einem gewöhnlichen Bild liegt. Wann bleibt der Betrachter wirklich im Bild hängen, wann wird er dazu angeregt, über das Abgebildete nachzudenken, ab wann spielen technische Makel keine Rolle mehr und ab wann kann man davon sprechen, dass ein Foto einen spirituellen Ausdruck beherbergt?

Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass ein Foto aus verschiedenen Seelenstücken besteht, die miteinander harmonieren und das Bild zu etwas Besonderem machen. Das Ganze ist aber gar nicht sonderlich esoterisch, wenn man sich mal nähere Gedanken dazu macht. Vielleicht denken wir zu kompliziert und versteifen uns oftmals viel zu sehr auf die Perfektion eines Bildes, so dass wir die simple Lösung vor unseren Augen nicht wahrnehmen können: Im Foto ist die Seele des Fotografen und in manchen Fällen noch die, des Abgebildeten. Demnach haben fremde Kulturvölker gar nicht gänzlich unrecht, wenn sie Fotoapparate als Seelenfänger verteufeln. Schließlich wird nicht genau definiert, wessen Seele eingefangen wird.

„Don’t shoot what it looks like – shoot how it feels like.“

Für mich ist ein bewusst gestaltetes Foto die Summe aus dem Leben des Fotografen. Als reflektierender Mensch, der sich mit seiner Umwelt auseinandersetzt und sein eigenes Leben aktiv nach seinen Wünschen formt, kommt man gar nicht umhin, seine Entwicklung in die eigenen Fotos zu bannen. Genau so entsteht ein gewisser Bildstil, denn er ist nur das Resultat dessen, worauf der Fotograf seine Prioritäten legt und wie seine Wahrnehmung funktioniert. Genau hier spaltet sich das Handwerk von der Kunst ab. Es wird nicht mehr nur rein abgebildet, sondern Wert darauf gelegt, eine Wirkung zu erzielen. Man möchte dem Abgebildeten und sich selbst gerecht werden (was zumindest bei mir so ist). Von welchen Farben fühlt man sich angezogen, welche Bildelemente sind einem wichtig, welche Perspektive unterstreicht das innere Empfinden? Nicht selten passiert das ganz unbewusst, schließlich folgt man am Ende oftmals seiner Intuition. Kann man dieser aber zu ihrer Quelle folgen und anfangen, ein Bewusstsein für das Abgebildete zu entwickeln, legen wir ein Stück von uns selbst in die Fotografie hinein.

Ein Herzstück meiner Arbeit entstand zu einer speziellen Zeit in meinem Leben und half mir, sie zu meistern. Die ganze Geschichte zum Foto „I see light“ findest du hier.

Am Ende findet man den Fotografen in seinen Fotos wieder. Man findet zerbrochene Herzen, ihre Heilung und Freudentränen, die vergossen wurden. Man findet seine Lieblingsbücher, seine Lieblingsmaler, seinen Lieblingsgeruch, seine Lieblingsjahreszeit. Man findet seine Leidenschaft – denn die bildet er ab, wie er sie empfindet. Man findet seine Stimmung wieder und nicht selten erkennt man verschiedene Lebenssituationen darin. Das Leben ist eine Reise und schaut man sich die Entwicklung einiger Fotografen an, verändert sich die Sichtweise auf ihre eigene Fotografie parallel zu ihrem Lebensinhalt. Man findet all das in den ausgewählten Motiven, in den Kontrasten, den eingesetzten Farben, den ausgesuchten Momenten und den festgelegten Bildschnitten wieder.

Klingt das verrückt? Für mich nicht. Versuchen wir also, Abstand von dem belächelten Zustand der „Seele im Foto“ zu nehmen und es ganz pragmatisch zu betrachten: Wenn der Fotograf sein Herz in seine Arbeit hineinlegt, dann ist das ein Stück von ihm selbst, was er ins Foto einschließt.
Man kann sogar noch eine Stufe weitergehen, wenn man so möchte. Ich stehe übermäßiger Bildbearbeitung oftmals sehr zwiegespalten gegenüber. Wenige Montagen und Composings sind für mich wirklich ansprechend, egal wie gut ihre Umsetzung ist, was mir bisher nie wirklich eingeleuchtet ist. Mittlerweile ist mir klar, dass auch hier ein gewisses Talent vorhanden sein muss, um die richtigen Seelenstücke (wir nennen es einfach mal so, auch wenn die Bezeichnung recht merkwürdig klingt) aus verschiedenen Bildern zu einem passenden Puzzle zusammen zu setzen. Das können definitiv nicht viele.

Fazit meiner Überlegung ist also, dass ich den Begriff „Seele“ in einem Foto zukünftig vermeiden möchte. Man wird damit einfach nicht ernst genommen, schließlich belächelt man gerne das, was man nicht mit den Händen greifen kann. Die Bedeutung bleibt für mich allerdings dieselbe. Finde ich ein Stück vom Fotografen in seinen Fotos wieder, bleibe ich hängen. Eventuell kann ich mich damit identifizieren, weil ich mich in einer ähnlichen Lebenslage befinde oder weil mir seine Definition des Abgebildeten eine gewisse Stimmung verleiht, nach der ich suche. Die mich berührt. Deshalb gibt es auch den Spruch: Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Nicht jeder ist für die Message bereit, die man in seine Fotos verpackt und manchmal verirrt man sich in der Bildgestaltung, weil man im Leben selbst gerade nicht genau weiß, wo man hin möchte. Das Lieblingsfoto ist meistens der Rettungsanker, die Trophäe einer schweren Prüfung oder der Wegweiser in undurchsichtigen Zeiten. Das gewisse Etwas in einem Foto ist die Persönlichkeit des Fotografen. Sein Auge. Seine Wertschätzung. Seine Gedanken. Andere würden das „die Seele“ nennen.

 „Tenderness“ wurde von National Geographic, Greenpeace (FB), Adobe Lightroom (FB) und weather.com gefeatured – das Foto mit dem „gewissen Etwas“ entstand während meiner Bosnien-Reise, von der du hier lesen kannst.

 

Liebste Grüße,
deine Carina

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KOMMENTARE

[…] wann ist die Fotografie ein einfaches Regelwerk, das kalt und sachlich abgearbeitet wird? Seit wann muss ich mich für eine Seite entscheiden, und […]

[…] Natürlich habe ich wieder gearbeitet wie verrückt, bin viel gereist, habe viele Projekte geplant und bin selten zur Ruhe gekommen. Der Unterschied lag im letzten Jahr aber darin, dass ich das Gefühl hatte, mich mit meinen Fotos auszudrücken. Auf den Fotos waren nicht mehr nur hübsche Pferde, süße Ponys oder niedliche Wendyromantik. In meinen Bildern sehe ich jetzt die Suche nach mir selbst. Wie ein Licht in der Dunkelheit, sollten viele meiner Fotos zwar düster, aber dennoch farbstark sein. Intensivität, kein „an der Oberfläche kratzen“ mehr und keine Actionbilder, die vom Wesentlichen ablenken. Ich sehe, dass die Seele des Pferdes nicht immer im Galopp und auf einer grünen Wiese zu finden ist. Pferde sind doch mehr, als nur hübsch und stark, oder nicht? Sind sie nicht auch elegant? Sind sie nicht auch verletzlich? Spüren Demut und Dankbarkeit, Freude und Wut? Ich möchte nicht, dass das Pferd einfach so in meine Kamera guckt, weil es ein interessantes Geräusch oder seinen Futtereimer gehört hat. Ich möchte einen Dialog. Nach all den Jahren, in denen ich nicht wusste, was meinen Bilder gefehlt hat, wusste ich es jetzt: Kommunikation. Eine Seele. […]

Liebe Carina,
ich habe mich schon länger für deinen Newsletter angemeldet und komme doch so selten dazu, deine Blog-Einträge zu lesen … was furchtbar schade ist, denn lesenswert sind sie alle. Dieser eine hat mich aus einem bestimmten Grund sofort angesprochen. Vor etwa 10 Jahren habe ich mir überlegt, daß ich meine Fotos auch ausserhalb der fc auf einer eigenen Seite präsentieren möchte. Also suchte ich einen Namen für die Homepage und landete schließlich sehr bald bei „fotos mit seele“ … Auch wenn es die Homepage mittlerweile nicht mehr gibt und ich nur noch einen persönlichen fb-Blog unter diesem Namen betreibe, bleibt es doch irgendwie meine „Marke“ und im Gegensatz zu dir, sah ich nie die Notwendigkeit, das zu analysieren. Als total unbekannte Hobbyfotografin bin ich natürlich auch nicht so im Fokus des Zeit-Geschehens. Ich muss nicht ernst genommen werden. Mir ist schlichtweg egal, ob das jemand macht oder nicht. Nichtsdestotrotz finde ich deine Argumente und deine Auslegungen interessant. Ich denke, das ist alles sehr individuell, sehr subjektiv … es ist vielleicht gar unmöglich dieses Thema wirklich objektiv zu betrachten. Als wolle man Liebe wissenschaftlich erklären (Ich weiß, das wird immer wieder versucht, doch was bringt das?)
Tatsächlich scheint es so, daß Technik in der Fotografie einen besonders hohen Stellenwert hat und die „Kunst“ an der Sache noch etwas hinterher hinkt … meine Kunstlehrer früher haben meine Arbeiten immer sehr kritisiert (ich bin nicht gut in technischer Ausführung) … mein Umfeld fand hingegen die meisten Zeichnungen immer ausserordentlich gut. Es scheint, als müsste man im künstlerischen Zweig zuerst eine Art „Technik-Grundschule“ machen, damit man einen Namen hat und danach darf man sich dann ganz seinem Gefühl hingeben und auf einmal ist jede emotionale Kritzelei ein Meisterwerk … Jetzt habe ich das Thema verfehlt, nicht wahr? … passiert mir oft …
Also zurück: Fotografie mit Seele – Fotos mit Seele … die Seele im Bild … hm… vielleicht hat das was mit dem Alter zu tun… oder mit Reife … oder ich mache endlich genug Yoga … jedenfalls: früher hätte ich versucht, es zu erklären, heute finde ich es nicht mehr notwendig. Ich habe einfach den Mut, meinem Gefühl zu vertrauen, ohne es zu analysieren. Ich sehe ein Bild an und fühle, ob es Seele hat oder nicht. Für mich hat es viel damit zu tun, ob das Bild etwas in mir weckt, denn wenn es das tut, ist es für mich lebendig. Ein totes Bild hat keine Seele … das ist ähnlich wie mit altem Gemäuer. Man spürt, daß da etwas ist. Das ist einfach so da – und es ist gut so.

Toll geschrieben liebe Carina! Ich sehe so oft Fotos, die für mich nur etwas abbilden und so wenige mit dem gewissen Etwas. Du hast es wundervoll auf den Punkt gebracht!

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