“Behandle das Pferd doch einfach wie das Tier, was es ist.”, höre ich so oft. Nicht nur an mich selbst gerichtet, sondern auch in anderen Diskussionen. Man soll aufhören zu vermenschlichen, zu verhätscheln, zu experimentieren und manchmal .. da soll man sogar einfach aufhören, emphatisch zu sein. Schließlich haben Pferde ohne “neumodische Methoden” schon seit Jahrhunderten wunderbar überlebt … Manchmal ist diese Aufforderung gerechtfertigt, manchmal nicht.

In den letzten Jahren hat das seelische Verständnis zum Pferd stark zugenommen. Es ist nicht einfach nur ein Sport- oder Freizeitpartner, sondern ein fühlendes Wesen mit einem eigenen Geist und entsprechenden Wünschen. Nicht nur die Grundbedürfnisse des sozialen Tieres werden mehr berücksichtigt, auch der freie Wille und die Option „Nein“ sagen zu dürfen wird immer mehr respektiert. Daraus resultieren Werkzeuge wie unter anderem Meditation mit dem Pferd, Energiearbeit Tierkommunikation und Reiki. Eine gleichberechtigte Verbindung zum Tier schaffen zu wollen wird immer salonfähiger … aber oftmals leider nicht, ohne belächelt zu werden.

Seelische Entwicklung des Menschen

Oftmals glauben wir, dass der Mensch schon immer so offen mit seelischen Angelegenheiten wie dem „Herzensweg“ umgegangen ist. Dem ist aber eigentlich nicht so und dafür muss man nicht mal ein paar Jahrhunderte zurück schauen, sondern es reicht, über unsere letzten Generationen nachzudenken. Allerhand wissenschaftliche Studien und Psychologen setzen sich mit der Frage auseinander, welche Bedürfnisse der Mensch hat und was darauf folgt, wenn diese befriedigt werden.

Unsere Großeltern, also jene, die im Krieg großgeworden sind, mussten lange für das fundamentale Grundbedürfnis der Existenz kämpfen. Woher kommt das Essen? Überlebe ich den heutigen Tag? Und wenn ja, was ist morgen? Um wenig anderes durften die Gedanken unserer Vorahnen größtenteils schweben. Ihre Kinder, also die Nachkriegsgeneration, hat miterlebt, wie ihre Eltern von den Ängsten geprägt wurden und wie um sie herum der Wiederaufbau stattgefunden hat. Man sollte dankbar sein, „mehr zu wollen“ stand den Menschen nur selten zu. Da die Grundbedürfnisse wie Wohnung/Haus und Essen und ebenso die Sicherheit größtenteils gesichert waren, sehnten sie sich nach Sozialbedürfnissen. Es wurden viele Clubs und Vereine gegründet, man durfte endlich wieder mit Menschen Spaß haben. Gemeinsam sind wir stark. 

Mit unseren Eltern teilen wir uns die nächste Ebene. Einige von ihnen durften dort bereits hinein fühlen, wir als neue Generation aber ganz besonders.
Wir, die jungen Menschen, haben das unsagbare Glück, in eine Zeit geboren zu sein, in der wir Kriege, Gewalt und Hungersnöte nicht an uns selbst spüren. Wir haben keine direkte Verbindung mit den Ängsten, die damit verbunden sind – das ist zu weit weg. Deshalb brauchen wir auch nicht ständig aktiv darüber nachdenken. Die Ebene, auf die wir uns dadurch heben, richtet sich an das Bedürfnis nach Anerkennung und Wertschätzung. Als Antrieb dient uns der Wunsch, dass wir als Individuum wahrgenommen werden wollen. Wir wollen endlich aus der Masse herausstechen! Wir merken, dass wir alle unterschiedlich sind, wir alle Stärken haben und wollen gegen den Strom schwimmen. Wir wollen die Karriereleiter aufsteigen, von anderen Menschen bewundert oder geliebt werden, wir wollen für das, was wir gut machen, gelobt werden. Ein Leistungskampf im Außen, der oftmals zu modernen Krankheiten wie Burnout und chronischer Erschöpfung führt.

Da es mit dem heutigen Zugang zum Wissen und allen modernen Möglichkeiten einfach geworden ist, dieses Bedürfnis auszuleben. Andere fliehen vor ihrer Erschöpfung und diesem stetigen Hamsterrad, deshalb begeben sich aktuell viele Menschen in die nächste Ebene: Die Selbstverwirklichung. Wir wollen nicht mehr der Beste in der Masse sein, sondern die beste Version von uns selbst und unserem Herzen folgen. Wir suchen nach einem Sinn für unser Dasein und verstehen, dass wir zwar wertvolle Individuen sind, aber dennoch zum Großen Ganzen dazu gehören.
Wir öffnen uns für alternative Wege, um dahin zurückzukehren, was tief verborgen in unserer Seele bereits immer vorhanden war. Dabei hilft uns Meditation, traditionelles Wissen alter Heiler, Yoga, bewusste Ernährung und alles, was mit Achtsamkeit im Alltag zu tun hat. Wir wollen zu unserem wahren Ich zurückkehren.

Und was ist mit Pferden?

Durch meine Zeit mit Wildpferden habe ich gemerkt, wie stark ihr seelischer Reichtum ausgeprägt ist. Sie sind feinfühliger, als viele domestizierte Pferde und ihre Sozialkompetenz beruht auf sensiblen Balancen zwischen äußeren Einflüssen und inneren Energien. Pferde gehören deshalb für mich zu den spirituellsten Wesen.
Doch nicht alle Wildpferde wollen in Kontakt kommen. Als ich in Namibia wilde Pferde traf, die nur noch aus Haut und Knochen bestanden und kurz vor dem Aussterben waren, enthüllte sich ein anderes Bild von ihnen und Kontaktaufnahme mit Menschen. Diese Pferde befanden sich, ähnlich wie unsere Kriegsgeneration, im Modus des reinen Überlebenskampfes. Sie suchten den Zusammenhalt, weil sie ohne ihn leichte Beute waren, aber sie kümmerten sich deutlich weniger um alles, was um sie herum geschah. Ihr Antrieb war einzig und allein: Zu überleben. Sie kamen nur in Kontakt mit uns, um nach Essen zu fragen – alles andere wahr uninteressant und schlichtweg nicht relevant.

Wildpferde in Namibia

Wilden Pferden wurde vor Jahrhunderten, teilweise vor Jahrtausenden, eine feste Rolle zugeschrieben. Man zähmte sie und sie wurden Nutztiere. Sie hatten ihre Aufgaben, sie mussten funktionieren. Sie sollten Lasten und Wagen ziehen, den Acker pflügen oder den tapferen Ritter in die Schlacht tragen. Black Beauty präsentiert das Leid von Nutzpferden in verschiedenen Aufgabengebieten sehr anschaulich. Man kann fast sagen: Auf der Ebene, auf dem sich die Menschen kollektiv wiedergefunden haben, dort waren auch ihre Tiere zu finden – allen voran das Pferd.

Wenn wir einfach sein dürfen – darf es das Pferd auch

Wir befinden uns aktuell in einer Era, in der wir als privilegierte Menschengruppe zum ersten Mal einfach nur „Sein“ dürfen. Unsere Fehler werden verziehen, unsere Stärken gefördert, wir finden zur Natur zurück, verbinden uns mit unserem Urwissen und suchen nach dem großen Sinn des Lebens. Wir haben alle Freiheiten, die man sich wünschen kann. Natürlich ist nicht alles perfekt – aber verglichen mit der gesamten Menschheitsgeschichte können wir uns glücklich schätzen, jetzt gerade zu leben.

Auch Pferde dürfen zum ersten Mal seit vielen Jahrzehnten, vielleicht sogar Jahrhunderten – einfach sein. Sie sind nicht mehr nur Sport- oder Freizeitpartner, sondern werden als seelisches Wesen anerkannt und respektiert. Hat der Besitzer ein entsprechendes Umfeld geschaffen, fühlen sie sich sicher. Der Wunsch von den Menschen nach möglichst artgerechter Haltung in einer sozial-intakten Herde wird immer größer, sodass das Pferd auch hier in die völlige Erfüllung kommen darf. Das Pferd wird von uns anerkannt und wertgeschätzt – und bekommt das ganz oft auf verschiedene Weisen zu spüren. All die unteren Ebenen, die wir als Mensch deutlich durchlaufen können, hat das Pferd durch unser Einwirken ebenso gemeistert.

Das Pferd nicht nur als fühlendes Wesen, sondern als eine sich entwickelnde Seele sehen

Wenn Pferde sich auf derselben Ebene befinden, wie momentan viele Teile der Gesellschaft, macht das auch so klar, wieso sie auf psychische Probleme immer stärker reagieren. Stirbt ein Herdenmitglied oder zieht der beste Freund um, schmerzt dieses Erlebnisse so sehr, weil sie sonst in Harmonie leben und diesen Schmerz lange nicht spüren durften oder mussten. Das Pferd darf wieder fühlen – weil es sein darf und seine Lebenssituation es erlaubt, soweit der Mensch ihm das geben kann. Ihre Gedanken lenken sie nicht mehr ab und somit öffnen sie sich Impulsen, die vorher schlichtweg nicht wahrgenommen wurden … ganz genauso wie wir Menschen selbst. Es entstehen neue Situationen, in denen eine neue Art der Kommunikation und Heilung nötig wird.

Es entsteht aber auch neues Band zwischen dem reflektierten Mensch und seinem Pferd. Wer kennt es nicht? Die Freude meines Pferd wird zu meiner eigenen Freude, der Schmerz meines Pferdes wird zu meinem eigenen Schmerz … wieso sollte es umgekehrt nicht genauso sein?
Immer öfter wird klar, wie sich spannungsvolle Situationen in einer Stallgemeinschaft, Depressionen oder gar physische Krankheiten des Menschen auf ein Pferd übertragen können. Die Psychosomatik ist längst bei uns Menschen angekommen – wer oft Dinge in sich reinfrisst, bekommt Magenschmerzen, wer zu viel grübelt, dem tut der Kopf weh. Zu viel Belastung zeigt sich oft in Rückenschmerzen, den Lärm um sich nicht aushalten zu können endet nicht selten in Rauschen im Ohr oder gar Tinitus. 

Jetzt, da Pferde fühlen dürfen – fühlen sie auch all das. So, wie sie die Stimmung ihrer Herdenmitglieder erleben, gehört der physische und psychische Zustand ihres menschlichen Partners ebenso zu den Faktoren, die ihre eigene Gesundheit beeinflussen können.

Die Verantwortung, sich selbst zu verwirklichen

Wenn wir an diesem Punkt stehen, an dem wir uns selbst verwirklichen, ändert sich der Blick auf die gesamte Welt. Es kann sich anfühlen wie eine Brille, die endlich abgelegt wird oder Scheuklappen, die sich weiten bis ganz verschwinden. Wir verändern nicht nur unseren Lebensstil, sondern auch ganz automatisch den Alltag der Tiere, die dieses Leben mit uns teilen. Wir suchen neue Wege, um die Beziehungen auf eine tiefere Ebene zu bringen und sie wirklich glücklich zu machen. Wir verstehen, dass es auf dieser Welt mehr gibt, als wir sehen und fühlen können … Symbolisch erkennen wir, dass die Erde nicht flach ist und dass es Planeten gibt, die mit uns um die Sonne kreisen. Unmögliches .. wird plötzlich denkbar.

Wenn wir doch alles in unserer Macht stehende tun, um unserem Leben Sinn zu verleihen, finde ich es gar nicht mehr fragwürdig, nach alternativen Wegen für die Kommunikation mit dem Pferd und seine Heilung zu suchen. Ich halte es für selbstverständlich. Schließlich entwickeln wir uns kollektiv. 

Erlaube dir selbst, zu sein – und dann erlaube es auch deinem Pferd. Erlaube dir aber auch, deinen Horizont zu stretchen, denn das Problem kann nicht mit derselben Denkweise gelöst werden, wie es entstanden ist … das wusste schon Einstein. Wenn wir Pferden helfen, sich wieder mit ihrer wahren Natur zu verbinden, dann machen wir das  auch. Wir gehen nicht alleine auf die Reise. Wie unsere Urahnen können wir einen eigenen Kontinent für uns erschließen und unsere Pferde mitnehmen … Und vielleicht wildern wir unsere Pferd am Ende aus, indem wir ihnen die gedankliche Freiheit schenken, nach der sie sich sehnen.

Im Prinzip müssen wir nichts lernen. Wir wurden alle mit diesen Fähigkeiten in die Welt geboren. Wie ein Wildpferd, das gezähmt und domestiziert wurde. Wenn du den Weg zurück zu deiner inneren Wildnis suchst – nimm dein Pferd mit. Denn wenn seine Freude auch deine Freude ist … dann sind deine Gedanken auch seine Gedanken.